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Dieses Thema hat 25 Antworten
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 Götter
Seiten 1 | 2
Tanith Offline

Altrabe


Beiträge: 8.170

04.02.2007 17:10
#16 RE: Die germanische Mythologie antworten

Mist! Jetzt ist mein ganzer Text futsch. Mal sehen, ob ich ihn noch zusammen kriege. Also: Lördag ist nicht eindeutig geklärt. Es wird u.a. von meinem Freund Loki gesprochen, aber auch von "Lodur", also Luchs, gesprochen. Bei wikipedia ist zu lesen, dass die Germanen die Woche am Sonntag begannen und deshalb den Sonnabend als Ruhetag nutzten. Was das allerdings mit Loki oder dem Luchs zu tun haben könne. emntzieht sich meiner Deutung. In der Eifel heißt es Samstag und hat seinen Ursprung in einem der drei Matronennamen (Sambete oder Sambeete). Die Matronen traten als Dreieinigkeit (hört! hört!) auf. Auch heute gibt es zahlreiche kleine Kapellen und Gedenkstätten, die von Menschen mit Blumen geschmückt werden, um den drei Göttinnen zu huldigen. Die Institution Kirche hat das nie ganz unterbinden können.
Liebe Grüße
Tanith

Bärin2 ( gelöscht )
Beiträge:

05.02.2007 22:14
#17 RE: Die germanische Mythologie antworten
Hallo liebe Raben,

meiner Meinung nach hat Hel, wie gesagt, vermutlich in allen Kulturen ihr Gegenstück. Man könnte sie auch als Archetyp der "Alten" bezeichnen, was bedeuten würde, dass sie in einem ähnlichen Zusammenhang gesehen werden könnte, wie z.B. die Baba Jaga. Von letzterer wird häufig vermutet, dass sie sich als die Märchenfigur, die wir heute kennen, aus einer viel älteren Göttin entwickelt hat.

Der Archetyp der "Alten" ist meist sowohl weise, als auch bedrohlich. Sie hat alle Stufen durchlaufen, alles gesehen, nichts ist ihr fremd. In den Mythologien der Welt führt der Weg zum Wissen oft über den Archetypus der weisen – und wilden - alten Frau, des alten Waldmütterchens, der Großmutter. In vielen Sagen und Märchen geht es darum, dieser gegenüber zu treten, sich ihr zu stellen, vor ihr zu bestehen.

Ich persönlich finde es am leichtesten zu erklären, wie ich Hel sehe, wenn ich nicht einfach über diese schreibe, sondern zunächst auf die Figur der Baba Jaga eingehe. Die Baba Jaga ist eine Figur aus der slawischen Mythologie. Das Wort "Baba" kann einfach mit "Großmutter" übersetzt werden, „Jaga“ könnte als Abkürzung der polnischen Vornamen „Agnieszka“ und „Jadwiga“ gedeutet werden, wobei es seit einiger Zeit linguistische Hinweise darauf gibt, dass der Begriff „Jaga“ womöglich von dem Skythischen Wort "Aga" (alte geehrte Frau / schamanische Priesterin) abstammt.
Wie so oft kann man also über die genaue Herkunft des Namens spekulieren. Für die Betrachtung des Archetyps der weisen Alten sind diese Spekulationen aber nur insoweit von Bedeutung, als sie vielleicht dabei helfen können, die Metamorphose von der „geehrten alten Frau“ zur „bösen Hexe“, die in vielen Märchen deutlich erkennbar ist, ein wenig zu verstehen.

Einerseits nämlich erscheint sie in den Geschichten als böse und sogar hinterhältige alte Hexe, andererseits tritt sie als weise und helfende Führerin auf, die ohne lange zu überlegen, kostbare Geschenke macht. Sie lebt in einer Hütte im Wald, welche auf Hühnerbeinen steht und sich um die eigene Achse dreht. In einigen Geschichten verfolgt sie auch sterbende Menschen mit eben dieser Hütte, um sie so zu sich zu holen. Ihr Gartenzaun ist mit Totenschädeln dekoriert, wobei sie den einen oder anderen davon auch dann und wann als eine Art portable Lampe am Stab verschenkt. Die leuchtende Totenschädel-Lampe wiederum hat die Angewohnheit, sowohl strahlendes Licht zu verströmen, als auch andere, in der Geschichte erscheinende, Figuren zu verbrennen, welche sich in der Regel durch Falschheit, Habgier oder Eitelkeit auszeichnen. Die Baba Jaga fliegt in einem Mörser, den sie mit dem Mörserstößel lenkt oder sie reitet auf einem Ofen durch die Luft.

In einigen Geschichten ist die Großmutter einfach freundlich und verteilt Geschenke, in anderen Geschichten ist sie unfreundlich und droht den Besuchern ihrer Hütte damit, sie zu fressen, z.B. wenn sie die ihnen auferlegten Prüfungen nicht bestehen. Generell gibt sich die Großmutter wortkarg. Sie mag weder Besucher, die sie respektlos behandeln, noch solche, die versuchen, ihr zu schmeicheln oder vor ihr etwas darzustellen, was sie definitiv nicht sind. Erst, wenn ein Besucher sich einfach so gibt, wie er eben ist, wird sie zugänglich. Sie verlangt Einfachheit, Ehrlichkeit, Mut und Konsequenz.

In einigen Erzählungen lebt die Baba Jaga mit zwei weiteren Schwestern zusammen, die auch Baba Jaga heißen, in anderen Geschichten leben diese Schwestern an einem anderen Ort. Stirbt eine der Schwestern, so sind die beiden anderen in der Lage, sie wieder zu beleben, indem sie sie mit dem „Wasser des Todes“ und dem „Wasser des Lebens“ besprinkeln. In der Geschichte von „Wassilisa der Weisen“ (auch "Vasalisa, die Weise"), einem kleinen Mädchen, das von seiner wenig wohlwollenden Stiefmutter in den Wald geschickt wird, sieht Wassilisa drei Reiter an sich vorüber galoppieren. Einer der drei ist rot gekleidet und reitet auf einem roten Hengst, einer reitet weiß gekleidet auf einem weißen Hengst und einer ist schwarz gekleidet und reitet auf einem schwarzen Hengst. Sie fragt die Baba Jaga nach der Identität der drei Reiter. Die Antwort der Alten lautet sinngemäß: „Dies waren mein Morgen, mein Tag und meine Nacht.“ Aussagen, wie diese und das Element der zwei Schwestern sind nur zwei Beispiele für die Gründe, aus denen hinter der Figur der Baba Jaga eine alte Mutter- und/oder Totengöttin vermutet wird.

In einem ähnlichen Kontext sehe ich auch Hel, wobei meine Meinung sich rein auf das herunter Brechen der Figuren auf ihre Funktion als Archetypen bezieht und nicht auf linguistische, geschichtliche oder ausführliche mythologische Studien stützt. Ein Archetyp ist, meiner Meinung nach, eine Figur, die von jedem Menschen überall auf der Welt wieder erkannt werden kann, egal welcher Kultur er entstammt und welche Sprache er spricht. Die weise Alte ist solch ein Archetyp.

Die Zuordnung von Hel hinsichtlich ihrer Zugehörigkeit zu Asen oder Riesen mag schwierig sein. Für die Betrachtung des Archetyps ist sie, meiner Meinung nach, unwichtig. Eine interessante Frage ist jedoch, warum die alte Hel nicht einzuordnen ist. Könnte sich in diesem Punkt vielleicht ein alter Wechsel in Religion, Weltbild und vielleicht ganz einfach ein Streit um Macht und Land verbergen (Stichwörter „Asen-Vanen-Krieg“, Wechsel von einem matriarchalisch orientierten Weltbild zu einem patriarchalischen)? Ich würde hier gern die Frage in den Raum stellen, inwieweit sich nicht in Teilen der Mythologien dieser Welt oft auch ganz weltliche Begebenheiten widerspiegeln. Im Zusammenhang mit Hel frage ich mich z.B. ob sie nicht vielleicht am Ende eine große Göttin ist, die sozusagen von einem damals neuen System in die Unterwelt verbannt wurde, die somit von einer „Herrin über Leben und Tod“ zu einer „Herrin der Toten“ wurde – und ob nicht das vielleicht ein Grund dafür ist, warum sie nicht so einfach zugeordnet werden kann (salopp formuliert deshalb, weil man’s lieber hat sein lassen). Sprachgeschichtlich wird der Name „Hel“ mit den Begriffen „all/alles“, als auch mit „heil/heilig“ in Verbindung gebracht. Wie ihre Funktion im Rahmen der nordischen Mythologie geschildert wird, möchte ich hier nicht noch ein weiteres Mal beschreiben, denn diese Informationen sind hier im Rabenhorst bereits an anderer Stelle zu finden.

Ansuz‘ eigentliche Frage war ja auch die nach der persönlichen Bedeutung, die bestimmte Götter vielleicht haben. Als Archetyp der weisen Alten betrachtet hat Hel eine Bedeutung für mich. Allerdings wollte ich hier niemandem antun, den Beitrag noch länger werden zu lassen. Deshalb werde ich noch einen weiteren Beitrag schreiben, der sich dann nur auf die Bedeutung beziehen wird, die sie für mich hat. Also…Fortsetzung folgt

Liebe Grüße
Bärin

Quellen: Wikipedia: "Baba Jaga", Clarissa Pinkola Estés: "Die Wolfsfrau", Luisa Francia: "Drachenzeit", Wikipedia: "Hel als Totengöttin", Gardenstone: "Germanische Magie".


\"Die erste Regel ist, einen ruhigen Geist zu bewahren. Die Zweite, den Dingen ins Gesicht zu sehen und sie als das zu erkennen, was sie sind.\" (Marcus Aurelius)

Brigid ( gelöscht )
Beiträge:

06.02.2007 07:13
#18 RE: Die germanische Mythologie antworten

Liebe Bärin,

In Antwort auf:
Ich würde hier gern die Frage in den Raum stellen, inwieweit sich nicht in Teilen der Mythologien dieser Welt oft auch ganz weltliche Begebenheiten widerspiegeln


Lach, dazu könnte ich seitenweise schreiben, aber das würde diesem Thread eine vollkommen andere Richtung geben, denn der einzige Bezug, den ich zur germanischen Mythologie habe, sind Verwandte im keltisch-alemannischen Sprachraum, die tatsächlich "Asenbauer" heißen.

LG
Brigid

^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^
Is glas na cnoic i bhfad uait.
Die Berge in der Ferne sind stets grüner.

Irland

Bärin2 ( gelöscht )
Beiträge:

06.02.2007 10:11
#19 RE: Die germanische Mythologie antworten

Hallo Brigid,

In Antwort auf:
Lach, dazu könnte ich seitenweise schreiben, aber das würde diesem Thread eine vollkommen andere Richtung geben

stimmt, das würde diesem Thread eine vollkommen andere Richtung geben. Mein Gedanke war eigentlich auch eher der, dass hier vielleicht demnächst einmal jemand einen neuen Beitrag zu diesem Thema beginnen könnte(?). Hab ich nicht so klar geschrieben, sorry. Wäre doch interessant, oder?

Liebe Grüße
Bärin


"Die erste Regel ist, einen ruhigen Geist zu bewahren. Die Zweite, den Dingen ins Gesicht zu sehen und sie als das zu erkennen, was sie sind." (Marcus Aurelius)

Tanith Offline

Altrabe


Beiträge: 8.170

06.02.2007 14:43
#20 RE: Die germanische Mythologie antworten

Liebe Bärin, ich bin von deinem sehr guten und fundierten Text zu Hel stark beeindruckt und einfach begeistert. Er beinhaltet auch viele Aspekte, die ich im Laufe meiner Wissenssammlung der alten Strukturen gefunden habe. So sind die drei Farben Weiß, Rot und Schwarz den dreieinigen Göttinnen zuzuordnen. Weiß steht für die junge, Rot für die Fruchtbarkeit und Schwarz - natürlich für die, die die lange Reise durch die Nacht unternimmt, um wiedergeboren zu werden. Vielen Menschen erscheinen diese drei Farben, sobald sie zusammen auftauchen, vertraut. Sie wissen nur nicht, weshalb das so ist. In dem Märchen von "Schneewittchen" sind diese drei Farben noch sehr präsent. Allerdings haben die Gebrüder Grimm, ihrem Zeitgeist gemäß, das Märchen verändert, wie so viele andre auch. Im Märchen von "Schneeweißchen und Rosenrot" hat man die dreitte Schwester einfach weggelassen. In "Hänsel und Gretel" steckt die weise Alte, als Hexe dargestellt. Im Übrigen nur eine GEschichte, die den Kampf zwischen Patriarchat und Matriarchat widerspiegelt. Letztendlich ist es dann auch die Wiedergeburt nach dem Tod der Alten, wenn Gretel sozusagen ihren Platz einnimmt. Einzig das Märchen von Frau Holle ist in vielem der ursprünglichen Erzählung, wie sie von Generation zu GEneration überliefert wurde, treu geblieben. Und alle diese Erzählungen finden sich in leichten Abwandlungen im gesamten nordischen Raum, ja, sogar darüber hinaus.
Ich bin gespannt auf deine weiteren Fortsetzungen. Vielen Dank dafür.
Liebe Grüße
Tanith

Ansuz Offline

Hausmeister


Beiträge: 5.151

06.02.2007 18:46
#21 RE: Die germanische Mythologie antworten

Liebe Bärin,

vielen Dank für den schönen Beitrag und die interesanten Erklärungen zur "Baba Jaga". Interessant ist vor allem, dass mir exakt der Name "Baba Jaga" gestern kurz vor dem Einschlafen in den Sinn kam und Du gestern einen Beitrag mit Erklärung verfasst hast. Auf die Fortsetzung bin ich natürlich auch gespannt!!

@Tanith: Auch Dein Beitrag im Anschluss war interessant. Ich habe Heute lange über die Aussage zu den Farben nachgedacht und kann bestätigen, dass es in meinem Fall stimmt

Liebe Grüße
Ansuz



"Man erlangt die Erleuchtung nicht,
indem man sich das Licht vergegenwärtigt, sondern indem man die Dunkelheit erforscht." (CG Jung)

Isa ( Gast )
Beiträge:

07.02.2007 02:27
#22 Die germanische Mythologie antworten
Hallo ihr Raben.

Also mein persönlich wichtigster Gott ist Thor. Ich nenne ihn auch gerne Donar. Ich finde es einfach klasse, wie er die Schwachen beschützt und für die Menschen wie ein Vater ist.

Odin ist in meinen Augen eher der Wanderer und der Weise. Er ist auch sehr wichtig für mich. Wegen den Weisheiten und der Magie.

Weiterhin ist Frigg (Odin´s Frau) eine mir sehr wichtige Göttin Sie zeigt mir, dass die Freude des Lebens nicht nur daraus besteht das Extrem zu Leben, sondern dass auch der Anfang und das Ende des Lebens oder eines Zyklusses voller Energie steckt und sehr viel Kraft beherrbergt.

Ansonsten spüre ich sehr Oft die Kraft der Midgartschlange und ich muss beschämt zugeben, dass mir ihre starke Kraft sehr gefällt und ich oft ein wenig Angst davor habe mich der Schlangenenergie zu öffnen, da sie ja beim Weltenbrand gegen die Asen kämpfte und Thor tötete.

Auch die Reifriesen nehmen einen grossen Platz ein in meinem Seelen- und Gedankenleben, was sicher auch auf meinen Bezug zur Rune Isa zurückzuführen ist.

Tyr ist für mich der Gott mit dem grösstem Mut und der grössten Selbstaufopferung für seine Freunde und Familie. Er zeigt mir, wie viel man bei einem Freund erreichen kann, wenn echte Freundschaft herrscht und wie sehr man zusammenhält wenn echte Freundschaft auf die Probe gestellt wird.

Mehr fällt mir jetzt leider nicht ein

Wünsche noch nen schönen Tag
Isa

-----Ich höre weniger mein Herz, als Thor´s Hammer in meiner Brust schlagen-----

Bärin2 ( gelöscht )
Beiträge:

07.02.2007 19:19
#23 RE: Die germanische Mythologie antworten
Hallo liebe Raben,

um zu schildern, welche Beziehung ich zum Archetyp der Alten (und damit auch zu Hel) habe, muss ich mich ein weiteres Mal etwas weiter aus dem Fenster lehnen und wieder das einbeziehen, was ich in Träumen und in schamanischen Reisen mit ihr erlebt habe.
Träume und das, was heute allgemein als schamanisches reisen bezeichnet wird (so, wie es im sogenannten „Core Schamanismus“ definiert wird), sind nun einmal meine Art des Zugangs – und der ist, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, ja individuell. Teils ist er, wie eine Fertigkeit, erlernbar und teils nutzt man ja auch oft zusätzlich individuelle Talente, um sie mit diesen erlernten Fertigkeiten zu kombinieren. Ich möchte an dieser Stelle nicht definieren und erklären, was eine schamanische Reise nun genau ist, denn das würde zu weit vom Thema wegführen, ich hole es aber gern anderer Stelle nach. Hier verwende ich den Begriff (man möge mir dies verzeihen)einfach noch einmal, ohne ihn näher zu erklären.

Die geschilderten Erlebnisse sind sehr persönlicher Natur. Jeder mag sie so betrachten, wie er oder sie sich am wohlsten damit fühlt, also z.B., so wie ich es tue, als Erkenntnisse durch Reisen und Träume, mit deren Hilfe Informationen aus Tiefenselbst, kollektivem Unbewussten, etc. gewonnen werden können – oder auch einfach als eine Geschichte.

Zur Zeit meines ersten bewussten Kontaktes mit der Alten hatte ich nur gehört, wie Andere sie als Teil einer dreifachen Göttin erwähnten, wobei mir aufgefallen war, dass sie anscheinend eher gefürchtet, als geliebt wurde. Außerdem hatte ich die Geschichte von Wassilisa, der Weisen gelesen. Mehr Informationen hatte ich nicht über die Alte. Während einer schamanischen Reise fand ich mich vor der Eingangstür ihrer Hütte wieder. In meiner Reise stand diese nicht auf Hühnerfüßen, sondern ich sah einfach eine kleine Tür, die fast unsichtbar zwischen Nadelbäumen im Wald auftauchte. Ich ging hinein und traf drinnen auf die Großmutter. Ich überlegte kurz, ob ich lieber wieder gehen sollte, entschied mich dann aber doch, zu bleiben, denn ich war mit dem Ziel gereist, einen Weg aus meiner damals chronischen Erschöpfung zu finden – und mein Krafttier hatte mich schließlich zur Hütte geführt. Die Alte sagte nichts, nickte nur kurz und bedeutete mir, mich an ihren Holztisch zu setzen. Sie stellte einen Teller mit Suppe vor mich hin und sagte: „Iss das.“ Das war das Einzige, was sie sagte.

Ich reiste nach diesem Besuch regelmäßig zu ihrer Hütte. Niemals fühlte ich mich dort bedroht. Die Großmutter war zwar wortkarg aber sie gab mir jedesmal kleine Tipps, wie ich meine Gesundheit pflegen konnte. Mal war es ein Tee, mal eine Suppe, die ich in der sog. „Alltagswelt“ nachkochen konnte. Ich begann, mich tatsächlich besser zu fühlen.
Im Wachzustand las ich die Geschichte von Wassilisa, der Weisen noch einmal und dachte dabei besonders über den Satz nach, den die Alte darin zu Wassilisa sagte: „Mein Morgen, mein Tag, meine Nacht.“ Dieser Satz beschäftigte mich.

Vielleicht eine oder zwei Wochen später träumte ich dann von der Alten. Im Fernsehen hatte ich am Abend Bilder von einer schweren Flutkatastrophe gesehen, die mir besonders nahe gingen. Ich machte mir ernsthaft Sorgen um den Zustand unserer Umwelt. Mit diesen Gedanken schlief ich ein. Im Traum schwebte ich über der überfluteten Landschaft, die ich im Fernsehen gesehen hatte und weinte. Ich wünschte, mir die Fragen, die mich beschäftigten, irgendwie beantworten zu können, um Ruhe zu finden. Plötzlich wurde ich von der Landschaft weggezogen und fand mich freischwebend im All wieder. Vor mir sah ich die Erde. Neben mir erschien auf einmal die Alte, ebenfalls freischwebend. Ich begann sofort, ihr alle Fragen zu stellen, die mich im Zusammenhang mit den Bildern von der Flut, meiner Sorge um Umwelt, Existenz der Welt – und so weiter – und überhaupt – beschäftigten.

Sie schwieg, sah mich an – und sagte dann nur: „Es ist, wie es ist.“

Dazu fiel mir nichts ein. Ich wollte nur noch ganz schnell weg, nach Hause, „auf den Arm“, eben dahin, wo ich mich irgendwie sicher fühlen konnte. „Großmutter, bring mich in dein Haus“, bat ich. Sie bewegte daraufhin schweigend einen Arm und das Bild von Weltall und Erde verschwand. Nun war die Umgebung, so fand ich, noch viel furchtbarer, als vorher, denn jetzt war gar nichts mehr da – nur Leere. Sie bewegte ein weiteres Mal den Arm, worauf ein wenig grüne Farbe erschien. Sie bewegte noch einige Male den Arm und jedesmal erschien ein anderes Detail der Landschaft um ihre Hütte.

„Mein Morgen, mein Tag, meine Nacht…“

Ich fand diese Art des Schaffens aus dem Nichts entsetzlich. Lieber wäre ich im Traum durch die Gegend geflogen und irgendwann vor ihrer Hütte gelandet. Trotzdem wusste ich, dass ich es akzeptieren musste. Sie hatte mir ja nur gezeigt, dass ihre Hütte kein Ort im weltlichen Sinne ist und das hatte ich ja eigentlich, zumindest intellektuell, gewusst. Ebenso ging es mir mit dem Satz: “Es ist, wie es ist.“ Er war kein Trost, kein: „Es wird schon gutgehen.“ Aber der Satz in Kombination mit ihrem Schaffen aus dem Nichts war für mich im Nachhinein irgendwie beruhigend.

Leider ist es immer schwer, ein gefühlsmäßiges Verstehen mit Worten zu beschreiben, weshalb ich auch oft lieber ein Erlebnis schildere oder eine Geschichte erzähle, weil ich glaube, es so besser rüberbringen zu können. Für mich war der Traum ein Schlüssel dazu, auch gefühlsmäßig besser zu verstehen, was gemeint war, wenn vom ewigen Kreislauf, vom Werden und Vergehen die Rede ist. Dabei hat mir der Archetyp der Alten geholfen.

Viele Grüße
Bärin

Quelle: alles mein sein *gg*


\"Die erste Regel ist, einen ruhigen Geist zu bewahren. Die Zweite, den Dingen ins Gesicht zu sehen und sie als das zu erkennen, was sie sind.\" (Marcus Aurelius)

Isa ( Gast )
Beiträge:

08.02.2007 02:09
#24 Die germanische Mythologie antworten

Hallo Bärin.
Ein wirklich wunderschöner Text. Ich kann dem nichts dazufügen. Doch eine Träne abgewinnen Es ist halt wirklich alles wie es ist.

Gruss
Isa

-----Ich höre weniger mein Herz, als Thor´s Hammer in meiner Brust schlagen-----

Ansuz Offline

Hausmeister


Beiträge: 5.151

11.02.2007 09:27
#25 RE: Die germanische Mythologie antworten

Liebe Bärin,

ich habe Heute endlich einmal die Ruhe gefunden, Dein Posting intensiv zu lesen.

Danke, dass Du uns Deine Gedanken hier aufgeschrieben hast und obwohl mich der Satz: "Es ist, wie es ist". nicht beruhigt, sondern mir eher das Gefühl vermittelt, dass wir wesentlich früher hätten handeln müssen, möchte ich mich Isa hier gerne anschließen.

Ein wirklich schöner Text!

Viele Grüße
Ansuz



"Man erlangt die Erleuchtung nicht,
indem man sich das Licht vergegenwärtigt, sondern indem man die Dunkelheit erforscht."(CG Jung)

Rabenwölfin Offline

Altrabe


Beiträge: 1.102

23.08.2010 21:07
#26 RE: Die germanische Mythologie antworten

Hallo,


intressanter Beitrag,ich finde beim stöbern immer wieder neues
Zu Odin habe ich den meisten Bezug, er offenbart sich mir in Träumen,
als Lehrer der Heilung, in Gefahr als Schutzgott...wenn ich ihn angerufe (nicht aufm Handy)
und seine mächtige Präsenz wahrnehme...und in seinem Lehrer Aspekt
als mich Prüfender und Beobachtender...


lg
Rabenwölfin

Über uns tanzen die Galaxien in die Unendlichkeit hinaus...unter unseren Füßen schlummert die uralte Erde...
~AnamCara~

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