Liebe Raben, vor vielen Jahren fand im Wendland die Ausstellung "Winde.r.Punkte Wendland" statt, bei der ich mehrfach beteligt gewesen bin. 1991 war das Motto der Ausstellung "Irritationen am Wegesrand" und der Maler, mit dem zusammen ich in einer Symbiose gearbeitet habe, benannte unsere gemeinsamen Objekte "Der Städter verhält zum Land wie das Patriarchat zur Erde". Meine damals in limitierter Auflage erschienen Sonette 1 - 8 darf ich mit Ablauf von 15 Jahren anderweitig veröffentlichen und tu es hiermit auch im Rabenbaum. Ich meine, es passt am besten in diese Rubrik. Sollte es anderswo besser aufgehoben sein, bitte ich den Hausmeister um "Verschiebung" .
Sonette N° 1 - 8
Sonett N° 1
Nebelweiße Täler; spiegeln Wälder sich In Wassern, - Eisvogel besetzt und peselbraun; Kann klaren Auges noch der Falke schaun, wobei der Schnee den warmen Zonen wich.
Die graue Flechte hat sich weit verzweigt. Noch winterschlafend liegt der Große Bär - Ein Tropfen Tau - und ist nicht mehr. Die Erde dreht, die warme Seite steigt.
Auf violetten Träumen torkeln Distelfalter In Vetternwirtschaft mit dem Kleinen Fuchs; Das Moos zählt unbestimmte Alter.
Es lauschen Schlange und der weiße Mond Den Flüglern, bunt und schwarzgefiedert. Vielfältig ist der Erdenball bewohnt.
Sonett N° 2
Fischsilbrig schwimmend im Mäander Ausreichend für den Otter, für den Luchs, Lamm für den Wolf, Maus für den Fuchs. Durststillend an der Tränke nacheinander.
Leicht behaart, mit ungelenken Händen Das Salz entfernend von der warmen Haut; Die Jungen und die Greise eng vertraut. Im Kalten Fell, im Warmen nackte Lenden.
Blattgrün und Frucht von vielen Bäumen Macht Bäuche aller Sippen ringsum satt; Lässt regenbogenfarben träumen.
In strenger Kälte geht manchmal verloren, was für das Erdenleben unentbehrlich ist. Das Jüngste wird dann nicht geboren.
Sonett N° 3
Wasser, steingewaschen regenweich Umtanzt kühlend nackten Fuß und Bein. Braune Körper tauchen fließend ein Neben Lilie und Ried und Laich.
Ein leichtfüßiger Menschenschritt Beschädigt nicht das Binsenkraut; Streift durch die Wälder ohne Laut, wählt den Ort, auf den er tritt.
Menschen ohne einen festgebauten Hort Folgen Rudeln, ihren eigenen Rudeln gleich. Morgens wäscht der Regen ihre Wege fort.
Wildbrettausgleich für das Beerenmahl, wärmend ist das Feuer in der Nacht. Der Hunger dezimiert die Stammeszahl.
Sonett N° 4
Rotes Frauenblut tränkt trocknes Land; Das Überleben wird den Kampf gewinnen Und Hexenfäden weben Schutz und Linnen. Tanith hilft mit ihrer eigenen Hand.
Stammes Kind zu sein heißt gleich geborgen, Elternanspruch wird noch nicht erhoben; Eng ist jeder mit dem Kind verwoben. Das Heute zählt, nicht schon das Morgen.
Die Kinder kennen auch noch keine Väter, denn das Geheimnis um Geburt gehört der Frau; verraten wurde es dann sehr viel später.
Töten heiß in Stammesächtung stehen. Wir schenken Leben, sind ihm zugetan; Walpurga, lass uns immer sehen!
Sonett N° 5
Kräuter, Bodenfrüchte und auch Ähren Heilen Leiden, machen satt und lebensfroh. Stammesmütter teilen sinnvoll ebenso Fell und Fleisch und anderes zum verzehren.
Wilder Mohn bewegt sich leicht im Regen, Gaia dreht sich selbst im Gleichgewicht. Heute zeigt der volle Mond sein rotes Licht Und erweckt aus heißem Blut neues Leben.
Liebestanz aus reinem Zeitvertrei Bewegt sich um das Feuer; Denn licht und warm ist Lithas Leib.
Die kurze Nacht zeigt rote Streifen, feuchtneblig steigt der Tag und lässt die nächt'gen Früchte reifen.
Sonett N° 6
Feldfrüchte trugen nur noch leere Schoten, doch die Jäger hatten eine gute Zeit, waren die einzigen Ernährer weit und breit. Die Göttin starb. Es folgten Kirchenboten.
Fackeln streiten mit dem Licht der Nacht; Häuser wachsen, horten jetzt die Schätze. Stadt ohne Rand wächst über viele Plätze. Aus Eva wurde Jahwe nun gemacht.
Frauenwissen um Geburt und Sterben Wird nach Folter auf dem Stoß verbrannt. Münder können flüsternd nur vererben.
Sippenisoliert und ganz auf sich gestellt, krakenhändig verrichtend alle Hausarbeit ist sie, die dem Mann die Freiheit hält.
Sonett N° 7
Kaiser und Könige kaufen sich Soldaten, die halten Land und Städte okkupiert, vernichten den, der einen Krieg negiert. Wo sind all die Blumen hingeraten?
Hinter Mauern in den kleinen Gassen Toben Pest und Cholera und Pocken. Da, wo Tausend aufeinander hocken, sterben Menschen immer gleich in Massen.
Häuser, Slums und Städtemauer Vernichtet dann und wann die Flamme; Durch Bomben oder Grundstückslauer.
Söldner sterben einen schnellen Tod. Ihre Plätze werden schnellstens neu besetzt Durch Kinder, die geboren trotz der Not.
Sonett N° 8
Stinkend und mit Molochs Armen greifend Breiten Müllmaschinen sich im Lande aus, steinern wändewachsend Haus an Haus im Moderseeleninnern nichts mehr reifend.
Mit langen Krallenfingern und mit Geld Sucht Kapital das freie unbebaute Land Und setzt auch hier dann Wand an Wand Für Atom und andere Pestilenz der Welt.
Schlange hat ihr Leben lange ausgehaucht, der schwarze Mond sieht den letzten Tag, die Erde ist vom Menschen aufgebraucht.
Die Große Mutter scheint bereits verloren; Städtebau-Verplaner stehlen Lebensraum - Doch Morgen wird die Göttin neu geboren.
Ääh!...ist jetzt kein Witz aber: das erste drittel hat mich so ins Träumen versetzt, daß ich hier erst mal mein Lesezeichen gespeichert habe. So etwas Schönes und...du bleibst sicher nicht nur volljährige Hexe bei so einer Power. Boa ey! So was kann ich heute nicht mal erträumen oder kann das wer anders??? Geschweige denn zu Papier bringen!
---Zum Gruße, Isa--- Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag (Charlie Chaplin)
Ich bin, gelinde ausgedrückt, schwer beeindruckt. Es fasziniert mich, wie du da mit so wenigen Worten so unheimlich viele Bilder zauberst, ja eigentlich einen Zeitraum von Jahrtausenden zum Leben erweckst. Was du hier geschrieben hast ist eines jener Gedichte, in denen mich nicht eine von zehn Zeilen beeindruckt, sondern wo ich von zehn Zeilen blos eine etwas weniger fasziniert als die anderen. Ganz herzlichen Glückwunsch also zu diesen Sonetten, und falls es von dir mehr in diese Richtung gibt, dann will ich die unbedingt lesen
Ihwar
.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.- Nur weil man an etwas glaubt, heißt das noch lange nicht das es wahr ist. -.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.--.-.-.
So viele Gefühle die hier beim Lesen aufkommen, so viele Bilder die in meinem Kopf entstehen, so viele Worte die mir dabei im Halse stecken bleiben, so wunderbares Erleben von einem tiefen Wissen das von dieser "Geschichte" ausgeht, kann ich einfach "nur" Danke sagen. Ganz liebe Grüße Die Druidin
Magie ist unsere Natur, wer sie verweigert, verweigert das Leben.
Ich hab fei voll geweint von deinen Zeilen Tanith. Ich muß nicht mal weinen wenn ich gedanklich meinen Vater erschlage...mein Gott!! Warum ist es so?...warum habe ich mehr power wie diejenigen die mir helfen wollen?
---Zum Gruße, Isa--- Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag (Charlie Chaplin)
Liebe Raben, ihr habt mit euren Antworten ein Lächeln in mein Herz und eine Träne in meine Augen gesenkt; und das meine ich nicht gefühlsduselig, sondern einfach erwärmt. Vielen Dank dafür. Ich weiß, weshalb ich immer noch gern auf dem bin und auch iummer wieder hierher fliege. Ich wünsche euch eine ruhige Nacht und eine stressfreie Woche. Liebe Grüße Tanith
Hey Tanith. Ich kann nicht weiterlesen!...nach dem Anfang war ich so mitgerissen, daß mich der Strom in meine tiefsten Gefühle beförderte und...ich so dermaßen heulen mußte ;/ ...was hast du gemacht?? Die Zeilen aus einer anderen Welt geholt? Weiterlesen kann ich nicht...trotzdem danke. Ich habe nun von zwei Menschen abschied genommen, die mir solche deine Zeilen zu lesen ermöglichten ich aber Andererseit undankbar für...naja. Jedenfalls sind deine Zeilen ein Grund zu leben haha!
---Zum Gruße, Isa--- Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag (Charlie Chaplin)
Hej, Isa, aber gerade die allerletzte Zeile ist eigentlich die wichtigste. Und ich wundere mich, dass du sie nicht gelesen hast, denn du hast deinen BEitrag hier eigentlich damit beschlossen. Mit Gruß Tanith
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