|
Die Entstehung der Runen Magisch entrückt verkündet uns der Runenmeister im ersten Stück seine Geheime Weisheit. Am Urdbrunnen sitzt er, dem einst die Nornen entstiegen sind, die die Zukunft und das Menschenlos bestimmen. Was er uns Lehrt, hat er von Har dem Hohen, von Odin selbst. Zeit ist's zu raunen auf dem Rednerstuhl an dem Urborn Urds. Ich schaute und schwieg, ich schaute und sann, lauscht auf der Männer Mund: Von Runen hört ich reden - sie verrieten die Deutung vor der Halle Hars; in der Halle Hars hört ich sagen so: Runen sollst du finden und rätliche Stäbe, gar stolze Stäbe, gar starke Stäbe, die gerötet der Redeherr und gewirket Weltmächte und geritzt der Raterfürst. Dann zeigt sich's recht, wenn du nach Runen fragst, den raterentsprossnen, wie sie wirkten Waltmächte, und sie zog der Zauberherr: wer Verstand hat, bleibt stumm. Im zweiten Stück hören wir, wie Odin sein Opfer erlitt, indem er gehängt und gespiest wurde und dabei die Runen empfangen hat. Weiter erfahren wir, wie er von seinem Mutterbruder Mimir tiefer in die Weisheit einegführt worden ist. Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum neun Nächte lang, mit dem Ger verwundet, geweiht dem Odin, ich selbst mir selbst, an jenem Baum, da jedem fremd, aus welcher Wurzel er wächst. Sie spendeten mir nicht Speise noch Trank; nieder neigt ich mich, nahm auf die Runen, nahm sie rufend auf; nieder dann neigt ich mich. Neun Hauptlieder lernt ich vom hehren Bruder der Bestla, dem Böthornsohn; von Odrörir, dem edelsten Met, tat ich einen Trunk. Zu wachsen begann ich und wohl zu gedeihn, weise ward ich da; Wort mich von Wort zu Wort führte, Werk mich von Werk zu Werk führte. Nun sind Hars Reden in seiner Halle gesagt, gar rätlich Reckensöhnen, nicht rätlich Riesensöhnen. Heil, der sie wies! Heil, der sie weiß! Er wahre sie wohl! Heil, die sie hörten! Auch das dritte Stück enthält Lehren eines Runenmeisters, die mit dunklen Worten beginnen. Wir erfahren, das der Zaubermet seine Kraft dadurch erhalten hat, indem man Runen hineinmischte. Sie schuf er, sie schnitt er, sie ersann Siegvater, durch den Trank, der getropft war aus Heiddraupnirs Haupt und aus Hoddrofnirs Horn. Sie wirkt er, sie webt er, sie alle setzt zusammen er auf dem Thing, da die Degen ziehn zu gerechtem Gericht. Auf dem Berg stand er mit Brimirs Schneiden, trug auf dem Haupt den Helm; da sprach Mimirs Mund wahres Weisheitswort und redete Runenkunde: Runen sollst du lernen und rätliche Stäbe, Stäbe gar stark, Zeichen voll Zauberkraft, wie sie zog der Zauberherr, wie sie wirkten Weihgötter, wie sie ritzte der Raterfürst. Dain bei den Alben, Dwalin bei den Zwergen, Odin im Asenreich, Alswinn im Jötenreich; auch ich ritzte einige. So ritzte Thund vor der Tage Beginn; dort erhob er sich, von wo heim er kam. Abgeschabt waren alle, die eingeritzt waren, und in den mächtigen Met gemischt, und weiten Weg gesandt; die sind bei den Asen, die sind bei den Alben, die bei weisen Wanen, die in der Menschen Macht. Das vierte Stück belehrt uns, dass alle Dinge in und außerhalb der Menschenwelt ihre Runen haben, an die ihre besondere Kräfte gebunden sind. Wer diese Runen kennt, dem ist die Macht aller Dinge dienstbar.
Auf den Schild sind sie geritzt, der steht vor der schimmernden Göttin, auf Arwakers Ohr und auf Alswinns Huf, auf das Rad, das sich dreht unter des Donners Wagen, auf Sleipnirs Zähne und die Zunge Bragis, auf des Schlittens Kufen und den Schnabel des Adlers, auf des Bären Pranke und die Pfoten des Wolfes, auf blutige Schwinge und der Brücke Stoss, auf der Heilbringerin Hand und der Helferin Spur, auf Glas und auf Gold und auf guten Kleinod, in den Wein und ins Bier und auf gewohnten Sitz, auf Gungnirs Spitze und auf Granis Brust, auf der Norne Nagel und der Nachteule Schnabel.
Das fünfte Stück zählt Kraft und Verwendung einer Reihe von Runen auf. Siegrunen lerne, willst du Sieg haben! Auf den Schwertknauf schneide sie, auf die Blutrinne und des Rückens Breite und ruf zweimal zu Tyr! Älrunen lerne, soll eines anderen Weib nicht trügen dein Vertrauen! Aufs Horn soll man sie ritzen und auf den Handrücken und ziehn auf den Nagel 'Not'. Den Becher soll man segnen und vor bösem sich schirmen, werfen Lauch in den Labetrank; dann bin ich gewiß, daß Böses dir nicht gemischt wird in den Met. Gebärrunen brauche, willst zur Geburt du helfen, lösen das Kind vor der Kreissenden! Auf die Hand soll man sie graben und um die Glieder sie spannen, bei den Disen Gedeihn erflehn. Brandungsrunen brauche, wenn du bergen willst auf der Fahrt das Flutenroß! Man brennt sie auf den Steven und auf des Steuers Blatt und ritzt auf die Ruder sie. Nicht ist so schwer die Brandung noch so schwarz die Woge: zum Hafen kommst du heil. Astrunen lerne, wenn ein Arzt du sein und Krankheit erkennen willst! Man ritzt sie auf die Borke und des Baumes Gezweig, der ostwärts die Äste streckt. Rederunen lerne, soll kein Recke ein Leid grimmig vergelten dir! Denkrunen lerne, soll der Degen keiner deinen Verstand bestehn! Das sind Buchenrunen, das sind Gebärrunen und alle Älrunen und köstliche Kraftrunen dem, der sie unversehrt und unverstört sich zum Heil behält. Nütz es, vernahmst du's, bis die Götter vergehn! Dieser kleine Splitter sagt uns, das man durch Runen einen Toten zum Reden bringen kann.
Oft kommt heilsamer Rat aus hartem Balg, der bei Häten hängt und bei Fellen flattert und baumelt bei Bösewichten.
Dieses Stück weist uns die Zukunft zu erfragen. Ritzt man hier Runen, verbunden mit einem Tieropfer, wohl um die Gottheit gnädig zu stimmen. Indem man die Runen färbt, besonders mit Blut,steigert man ihre Kraft. Die Form, ein starrer Kurzzeilengleichlauf, ist hochaltertümlich.
Weißt du zu ritzen? Weißt du zu raten? Weißt du zu färben? Weißt du zu fragen? Weißt du zu wünschen? Weißt du zu weihen? Weißt du zu schicken? Weißt du zu schlachten?
Die Zauberlieder zeigen eine Reihe von Zaubersprüchen aus der Ferne. Sie zählen auf, für welche Lebenslage ein "Lied" stand. Es zeichnet die Wirkung der Sprüche. Den Gott Odin sah man als Meister dieser Künste an, doch einige Strophen weisen eher auf einen Menschlichen Zögling hin.
Lieder kenn ich, die kann die Königin nicht Und keines Menschen Kind. Hilfe verheißt mir eins, denn helfen mag es In Streiten und Zwisten und in allen Sorgen. Ein andres weiß ich, des alle bedürfen, Die heilkundig heißen. Ein drittes weiß ich, des ich bedarf Meine Feinde zu fesseln. Die Spitze stumpf ich dem Widersacher; Mich verwunden nicht Waffen noch Listen. Ein viertes weiß ich, wenn der Feind mir schlägt In Bande die Bogen der Glieder, So bald ich es singe, so bin ich ledig, Von den Füßen fällt mir die Fessel, Der Haft von den Händen. Ein fünftes kann ich: fliegt ein Pfeil gefährdend Übers Heer daher, Wie hurtig er fliege, ich mag ihn hemmen, Erschau ich ihn nur mit der Sehe. Ein sechstes kann ich, so wer mich versehrt Mit harter Wurzel des Holzes: Den andern allein, der mir es antut, Verzehrt der Zauber, ich bleibe frei. Ein siebentes weiß ich, wenn hoch der Saal steht Über den Leuten in Lohe, Wie breit sie schon brenne, ich berge sie noch: Den Zauber weiß ich zu zaubern. Ein achtes weiß ich, das allen wäre Nützlich und nötig: Wo unter Helden Hader entbrennt, Da mag ich schnell ihn schlichten. Ein neuntes weiß ich, wenn Not mir ist Vor der Flut das Fahrzeug zu bergen, So wend ich den Wind von den Wogen ab Und beschwichtge rings die See. Ein zehntes kann ich, wenn Zaunreiterinnen Durch die Lüfte lenken, So wirk ich so, daß sie wirre zerstäuben Und als Gespenster schwinden. Ein elftes kann ich, wenn ich zum Angriff soll Die treuen Freunde führen, In den Schild fing ich's, so ziehn sie siegreich Heil in den Kampf, heil aus dem Kampf, Bleiben heil wohin sie ziehn. Ein zwölftes kann ich, wo am Zweige hängt Vom Strang erstickt ein Toter, Wie ich ritze das Runenzeichen, So kommt der Mann und spricht mit mir. Ein dreizehntes kann ich, soll ich ein Degenkind In die Taufe tauchen, So mag er nicht fallen im Volksgefecht, Kein Schwert mag ihn versehren. Ein vierzehntes kann ich, soll ich dem Volke Der Götter Namen nennen, Asen und Alfen kenn ich allzumal; Wenige sind so weise. Ein fünfzehntes kann ich, das Volkrörir der Zwerg Vor Dellings Schwelle sang: Den Asen Stärke, den Alfen Gedeihn, Hohe Weisheit dem Hroptatyr. Ein sechzehntes kann ich, will ich schöner Maid In Lieb und Lust mich freuen, Den Willen wandl ich der Weißarmigen, Daß ganz ihr Sinn sich mir gesellt. Ein siebzehntes kann ich, daß schwerlich wieder Die holde Maid mich meidet. Dieser Lieder, magst du, Loddfafnir, Lange ledig bleiben. Doch wohl dir, weißt du sie, Heil dir, behältst du sie, Selig, singst du sie! Ein achtzehntes weiß ich, das ich aber nicht singe Vor Maid noch Mannesweibe Als allein vor ihr, die mich umarmt, Oder sei es, meiner Schwester. Besser ist was einer nur weiß; So frommt das Lied mir lange. Des Hohen Lied ist gesungen In des Hohen Halle, Den Erdensöhnen not, unnütz den Riesensöhnen. Wohl ihm, der es kann, wohl ihm, der es kennt, Lange lebt, der es erlernt, Heil allen, die es hören.
__________________________________________________ Runen wollen gelebt werden, belebt sind sie schon
|