Die letzte Srophe der Völuspa lautet: (Übersetzung von Genzmer)
57 Der düstre Drache tief drunten fliegt, die schillernde Schlange, aus Schluchtendunkel. Er fliegt übers Feld; im Fittich trägt Nidhögg die Toten: nun versinkt er.
Genzmer gibt dazu folgenden Kommentar ab:
"Eine malerisch eindrucksvolle, aber in ihrem Zusammenhang schwer verständliche Strophe! Den Drachen Nidhögg sahen wir in den Wasserhölle seines Amtes walten; es überrascht, daß er und seine Leichen das Versinken der Erde, die allgemeine Vernichtung, überdauert haben und jetzt erst, aus der neuen Welt, endgültig verschwinden. Man dächte an einen visionären Nachhall, wenn dieser Drache für das Vorangehende ein wenig mehr bedeutet hätte."
Dieser Kommentar hat mich zum nachdenken angeregt. Ist dieser letzte Vers wirklich so mysteriös wie Genzmer meint? Was kann uns diese Strophe über das germanische Glaubensbild sagen?
Zu allererst dachte ich an einen zeitlichen Aspekt. Die alte und die neue Welt entstehen nicht nacheinander, sondern gewissermaßen gleichzeitig. Sie überschneiden sich in ihrer Entwicklung, und deshalb versinkt Nidhögg erst in der neuen Welt. Das würde auch zum zyklischen, naturmythologischen Weltbild der Germanen passen.- Im Jahreskreis gibt es schließlich ja auch Phasen, in denen zum Beispiel Schnee und Wärme, Kahlheit und erstes Wachstum gleichzeitig da sind.
Weiter sehe ich nun aber in Genzmers Kommentar einen Fehler, wenn er behauptet das der Drache nun "endgütlig verschwindet". Es ist ja nur von Versinken, nicht von verschwinden die Rede. Deutet also dieser Vers darauf hin, dass der Totendrache auch in der neuen Welt existiert. Das diese ebenso wie die alte auch wieder dem Untergang geweiht ist? Auch das würde zu einem naturmythologischen Weltbild passen. Kein Sommer dauert ewig.
Und welche Toten trägt Nidhögg im Fittich? Sind es jene der alten, oder jene der neuen Welt? Oder beide? Spekuliert man, dass es beide sind;- Könnte man dann darin einen Hinweis sehen, dass nur das Lebendige dem Zyklus von Tod und Wiedergeburt folgt, während das Totenreich ein konstantes, statisches ist?
Ja, und an dieser Stelle beginnen sich meine Gedanken im Kreis zu drehen.
Was haltet ihr von der Sache? Wie sind eure Gedanken dazu?
In Antwort auf: Könnte man dann darin einen Hinweis sehen, dass nur das Lebendige dem Zyklus von Tod und Wiedergeburt folgt, während das Totenreich ein konstantes, statisches ist
Oder vielleicht eine Art Übergangsuniversum, in dem die jeweilige Daseinsform auf einen neuen Startpunkt im Zyklus des Lebens wartet? Wie Balder, der ja eingesperrt, aber seelisch lebendig in den Hallen der Hel wartet, bis er nach dem Ragnarök wieder in das Leben zurück kehrt.
In Antwort auf:Was kann uns diese Strophe über das germanische Glaubensbild sagen?
Ich übersetze den Nidhögg gerne mit dem Neiddrachen. Hier kann ich dann Deine Überlegung vom "Versinken" durchaus teilen, denn wenn der Neid am Untergang der "alten Welt" mitgewirkt hat, dann ist es eigentlich eine Frage der Zeit, wann er in der neuen Welt aus der Versenkung aufsteigt, um seine giftigen Zähne erneut in das Fleisch des Lebens zu schlagen.
Viele Grüße Ansuz
"Man erlangt die Erleuchtung nicht, indem man sich das Licht vergegenwärtigt, sondern indem man die Dunkelheit erforscht." (CG Jung)
In Antwort auf: Ich übersetze den Nidhögg gerne mit dem Neiddrachen. Hier kann ich dann Deine Überlegung vom "Versinken" durchaus teilen, denn wenn der Neid am Untergang der "alten Welt" mitgewirkt hat, dann ist es eigentlich eine Frage der Zeit, wann er in der neuen Welt aus der Versenkung aufsteigt, um seine giftigen Zähne erneut in das Fleisch des Lebens zu schlagen.
Du siehst wie ich mir mit der flachen Hand auf die Stirn klatsche. Oft bedarf es nur der simplen Übersetzung eines Wortes um die Dinge klarer zu machen! Und selber denkt man einfach nicht und nicht daran. Ja, das ergibt wirklich einigen Sinn. Schließlich nagt der Neiddrache ja auch an den Wurzeln der Weltesche und ist damit nun doch ein sehr wesentlicher Faktor, der im Gegensatz zu Gentzmers Kommentar sehr viel für das vorangehende bedeutet hat. Weiter sind wohl auch Lokis gesammte Ränke von Neid erfüllt. Götter wie Riesen be-neiden sich ebenfalls gegenseitig und wollen einander allerlei streitig machen;- Der Raub des Dichtermets, Das Verbergen von Thors Hammer...
Und, um mal kurz in unsere alltägliche Welt zurückzukehren: Wieviel Entwicklung -gute und schlechte- geschieht eigentlich durch die Triebkraft des Neides? Hat sich zum Beispiel die Medizien auch deshalb weiterentwickelt, weil der kranke Mensch neidvoll auf den Gesunden blickt? Oder der Materialismus weil der Arme dem Reichen sein Habe neidet?
auch für mich war diese Posting wieder Anlass meine Edda zu durchforsten .
In Antwort auf: Weiter sehe ich nun aber in Genzmers Kommentar einen Fehler, wenn er behauptet das der Drache nun "endgütlig verschwindet". Es ist ja nur von Versinken, nicht von verschwinden die Rede. Deutet also dieser Vers darauf hin, dass der Totendrache auch in der neuen Welt existiert. Das diese ebenso wie die alte auch wieder dem Untergang geweiht ist?
hier kann ich Dir, Ihwar, nur beipflichten. Auch ich sehe hier einen Fehler Genzmer's. Denn für mich steht der Nidhöggdrache für einen festen bestandteil der Schöpfung und es deutet für mich darauf hin, das er nach Ragnarök aufsteigt von den Wurzeln Ygdrasills um sich das Fleisch der Toten zu holen, von dem er sich ja ernährt.
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