Sie sind vermutlich noch nicht im Forum angemeldet - Klicken Sie hier um sich kostenlos anzumelden Impressum 
Sie können sich hier anmelden
Dieses Thema hat 7 Antworten
und wurde 1.489 mal aufgerufen
 Die Edda
Helrunar Offline



Beiträge: 562

13.02.2006 19:41
Das Dritte Sittengedicht antworten
Dieser dritter Spruchweise macht den Eindruck eines Nachzüglers. Wir sind hier in ein ganz anderes Zeitalter gekommen; das Christentum macht sich bemerklich neben grell heidnischen Geboten der Faustrechtlehre: eine seltsame Mischung, wie sie ähnlich in isländischen Geschichten aus dem 12., 13. Jahrhundert begegnet.
Die Ruhe des selbstsicheren Weltbeschauers ist gewichen einem dringlichen Zureden, der trockne Scherz einen fast bänglichen Wesen. Durch die vom nordischen Altertum geschaffenen Formen vernimmt man den Tonfall der Kanzel.

1
Das rat ich zum ersten,
dass du rechtschaffen dich
gegen deine Nächsten benimmst;
sei langsam zur Rache,
tun sie auch Leid dir an!
Das bringt Heil nach dem Hinscheiden.

2
Das rat ich zum andern,
dass du Eide nicht schwörst,
die der Wahrheit zuwider sind;
schlimme Fäden
sind an den Schwurbruch geknüpft;
verfemt ist der Friedenswolf.

3
Das rat ich zum dritten,
dass auf dem Thinge du nicht
dich einlässt mit Elenden:
ein unweiser Mann
sagt ärgeres leicht,
als er wirklich weiß.

4
Ganz schlimm ist´s,
schweigest du dazu:
dann findest man feige dich
oder nennt wahr sein Wort;
verloren der Leumund ist,
wenn man sich nicht wacker bewährt:
andern Tags
gib Tod dem Falschen!
Lohn ihm die Lüge so!

5
Das rat ich zum vierten,
wenn eine ruchlose Hexe
an deinem Wege wohnt:
gehen ist besser,
als Gast zu sein,
mag auch nahn die Nacht.

6
Augen voll Umsicht
brauchen Erdensöhne
bei feindlichem Gefecht:
schlimme Weiber
sitzen an Wege oft,
dämpfen Schlachtmut und Schwert.

7
Das rat ich zum fünften,
wenn du Frauen hold
auf der Bank erblickst:
von den schön geschmückten
lass dir den Schlaf nicht rauben!
Begehre keinen Kuss!

8
Das rat ich zum sechsten,
wenn Rauschwort bei Männern
voll Hass sich erhebt:
nicht hadre trunken
mit Helmbäumen!
Das Bewusstsein stiehlt Wein.

9
Lärm und Bier
ist Leuten gewesen
oft zum Unheil schon:
dem einen zum Tod,
dem andern zur Trübsal:
mannig ist Menschenleid.

10
Das rat ich zum siebenten,
wenn mit Recken voll Mut
dir ein Streit entsteht:
sich schlagen ist besser
für den Schmuckträger,
als zu brennen im Bau.

11
Das rat ich zum achten,
dass du Arges meidest
und nicht Buhlstäbe brauchst:
nicht verführe die Maid
noch die Frau des andern!
Nicht verlocke zur Liebschaft sie!

12
Das rat ich zum neunten,
dass zur Ruh du bergest,
wen auf dem Feld du findst,
mag er waffentot
oder wellentot
oder siechtumstot sein.

13
Ein bad soll man
dem Verblichenen rüsten,
waschen Hände und Haupt,
ihn kämmen und trockenen,
eh er kommt in den Sarg,
ihm Friedensruh erflehn.

14
Das rat ich zum zehnten:
nicht Zutrauen schenke
dem Wort des Wolfssprossen,
traf seinen Bruder dein Beil,
hast du den Vater gefällt:
ein Wolf steckt im Wachsenden,
ward er auch begütigt durch Gold.

15
Glaube nicht,
dass der Grimm leicht schläft,
der Hader und Hass!
Witz und Waffen
muss der Wackre haben,
der gescheit erscheinen will.

16
Das rat ich zum elften,
dass du vor Unheil dich hütest,
welchen Weg es wandern mag.


__________________________________________________

Runen wollen gelebt werden, belebt sind sie schon

Silke Offline

Rabe

Beiträge: 200

13.02.2006 19:59
#2 RE: Das Dritte Sittengedicht antworten

Hallo Helrunar,

von wem sind diese Gebote? Ich meine, sind sie von einer Gottheit der nordischen Mythologie, oder sind sie sozusagen ein Leitfaden zum Asatru?

Viele Grüße
Silke


Helrunar Offline



Beiträge: 562

13.02.2006 20:23
#3 RE: Das Dritte Sittengedicht antworten

Liebe Silke,

ich sehe diese Gebote als einen Rat an, um ein friedliches und harmonisches Miteinander zu Gewährleisten. In meiner Übersetzung der Edda findet sich kein Hinweis darauf, ob diese Gebote einer Gottheit entstammen. Also dürfte Leitfaden es ganz gut treffen .

liebe Grüße

Helrunar

__________________________________________________

Runen wollen gelebt werden, belebt sind sie schon

Garm Offline

Moderator


Beiträge: 945

21.02.2006 09:41
#4 RE: Das Dritte Sittengedicht antworten

Hallo Helrunar, hallo Silke,

In Antwort auf:
von wem sind diese Gebote? Ich meine, sind sie von einer Gottheit der nordischen Mythologie, oder sind sie sozusagen ein Leitfaden zum Asatru?

Mir kam dabei der Gedanke, dass "Allvater himself" Urheber dieser Worte ist,
denn bei der folgenden Strophe ist das Wort "Grimm" doch ein wenig auffällig (Grimnir?)

15
Glaube nicht,
dass der Grimm leicht schläft,
der Hader und Hass!
Witz und Waffen
muss der Wackre haben,
der gescheit erscheinen will.

Viele Grüße
Garm




Fleisch, ist mein Gemüse

Helrunar Offline



Beiträge: 562

21.02.2006 12:09
#5 RE: Das Dritte Sittengedicht antworten

Hallo Garm,

In Antwort auf:
denn bei der folgenden Strophe ist das Wort "Grimm" doch ein wenig auffällig (Grimnir?)

Ich glaube, daß das Wort Grimm hier anders zu Interpretieren ist. Eher sowas wie Neid oder so. Jeder kennt es doch wenn er mal grimmig (grummlig) ist .

viele Grüße

Helrunar

__________________________________________________

Die Summe unseres Lebens sind die Stunden,
in denen wir liebten!

Wilhelm Busch

Garm Offline

Moderator


Beiträge: 945

21.02.2006 12:35
#6 RE: Das Dritte Sittengedicht antworten

Hallo Helrunar,

In Antwort auf:
Jeder kennt es doch wenn er mal grimmig (grummlig) ist.

Genau, und weil Grimnir der "Grimmige" bedeutet und einer der vielen Beinamen Odins ist, komme ich auch zu dieser Schlussfolgerung.

"Das Rat ich" könnte ebenfalls ein Hinweis auf Odin sein "Raterfürst" "Rater der Stäbe"

Viele Grüße
Garm




Fleisch, ist mein Gemüse

Ansuz Offline

Hausmeister


Beiträge: 5.251

24.02.2006 15:26
#7 RE: Das Dritte Sittengedicht antworten

Hallo liebe Raben,

die folgende Strophe hat mir irgendwie besonders gut gefallen

Das rat ich zum siebenten,
wenn mit Recken voll Mut
dir ein Streit entsteht:
sich schlagen ist besser
für den Schmuckträger,
als zu brennen im Bau.

Buddhist war der Verfasser jedenfalls nicht

Viele Grüße
Ansuz




"Man erlangt die Erleuchtung nicht, indem man sich das Licht vergegenwärtigt, sondern indem man die Dunkelheit erforscht." (CG Jung)

Ansuz Offline

Hausmeister


Beiträge: 5.251

13.03.2006 18:22
#8 RE: Das Dritte Sittengedicht antworten

Liebe Silke,

das dritte Sittengedicht ist ein Teil des Havamal. Genzmer ist in seiner Übersetzung der Edda dazu übergegangen, das Havamal in einzelne Gedichte zu teilen. Man findet das dritte Sittengedicht unter dem Oberbegriff Spruchweisheit in seiner Übersetzung.

Wenn wir das Havamal zugrunde legen, dann wäre Odin auch der Urheber des Sittengedichts (Havamal= Rede des Hohen). Die Aussage: "das rat ich" spricht nach meiner Auffassung auch für den Allvater.

Viele Grüße
Ansuz




"Man erlangt die Erleuchtung nicht, indem man sich das Licht vergegenwärtigt, sondern indem man die Dunkelheit erforscht." (CG Jung)

 Sprung  

Dieses Forum ist Teil der Internetpräsenz www.rabenbaum.com.
Sollten Sie Fragen, oder Anmerkungen zu unserem Forum haben,
dann beantworten wir Ihnen diese gern telefonisch oder per E-Mail.
Sie finden unser Impressum unter anderem unter www.rabenbaum.com

Xobor Erstelle ein eigenes Forum mit Xobor