diesen Artikel habe ich Heute in der "Welt am Sonntag" gefunden.
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Sechs Raben für ein Königreich
Wegen der Vogelgrippe haben Londons Lieblingstiere Hausarrest
"Sie sind ja so intelligent, das sieht man in ihrem Blick, sie sind unglaublich neugierig." Derrick Coyle, der Rabenmeister des Londoner Towers, liebt seine Raben wie Kinder. Und weil er sie liebt, hat er ihnen jetzt Hausarrest verordnet. Als erste Vögel auf der britischen Insel wurden Branwen, Hugine, Munin, Gwyllum, Thor und Baldrick zum Schutz eingeschlossen, seit die Vogelgrippe Kontinentaleuropa erreicht hat.
Sie sind ja auch besondere Vögel. Im 17. Jahrhundert ordnete König Charles II. an, daß zu jeder Zeit sechs Raben in der Festung an der Themse hausen sollen. Die Legende sagt: Verlassen die Raben den Tower, wird das Königreich untergehen. Das kann man selbstredend nicht aufs Spiel setzen.
Seit 1984 arbeitet der Yeoman, wie die Tower-Wächter genannt werden, täglich mit den Raben. Derrick Coyle füttert die Vögel - sie bekommen rohes Fleisch und in Blut getränktes Gebäck. Sie essen auch mal Kaninchen, samt Haut und Haar. Und Coyle muß den Vögeln die Flügel stutzen, sie sollen ja im Tower bleiben.
"Ich bin ein Bauernsohn", sagt Coyle, "ich habe immer mit Tieren gearbeitet." Seinen Raben bringt er Tricks bei. Thor zum Beispiel kann sprechen. Wenn Coyle ihn füttert und sagt, "Thor, das ist für dich", erwidere dieser, "das ist für mich". Ein Beispiel für die Intelligenz der Vögel, schwärmt Coyle: "Er kann zwischen mir und ihm unterscheiden, das ist doch unglaublich." Rabe Thor erfüllt auch seine Staatspflicht: Als der russische Präsident Putin den Tower besuchte, habe er ihn mit "Good morning" begrüßt.
Tower-Wächter werden kann nur, wer Soldat der Königin war. Coyle hat neben der Bewachung des Towers und der Rabenpflege normalerweise viele andere Aufgaben. Er macht Führungen, erteilt Auskunft an Touristen. "Im Moment bin ich aber weniger eingebunden, damit ich möglichst oft zu meinen Tieren gehen kann."
Die Raben leben jetzt in Volieren in einem großen Raum in der Festung. Und wie nehmen sie die Gefangenschaft auf? "Sie fressen", sagt Coyle, das sei schon mal ein gutes Zeichen. "Ich habe immer gesagt: Sobald die Vogelgrippe Deutschland erreicht, müssen die Raben ins Haus."
Doch spätestens im Juni will Coyle sich um eine Impfung kümmern. "Eine längere Gefangenschaft möchte ich meinen Raben nicht zumuten." Lilo Weber
Artikel erschienen am 26. Februar 2006