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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Über Raben
Ansuz Offline

Hausmeister


Beiträge: 5.151

04.03.2006 07:21
Neues aus Amerika und interessantes zum schrarzen Vogel antworten
Liebe Raben,

beim heutigen durchstöbern der Online-Magazine habe ich diesen längeren aber trotzdem wie ich finde interessanten Artikel in Die Presse.com gefunden.

In Antwort auf:
Affen mit Flügeln


Von Jürgen Langenbach (Spectrum) 03.03.2006 13:26

Sie sind wie wir, neugierig und durchtrieben, und sie sind unsere treuesten Begleiter. Wir haben sie verändert, sie haben uns vielleicht erst zu Menschen gemacht: die Rabenvögel. Eine tiefschwarze Geschichte.



Am 7. April 1937 wurden auf einem Krähen-Rastplatz in Texas 80.000 Tiere auf einen Schlag zerfetzt, die staatlichen Wildhüter hatten Dynamit ausgelegt und gezündet; im Winter 1939/40 konnte das Department of Conservation von Illinois mit insgesamt 328.000 Explosionsopfern alle Rekorde brechen, das Life-Magazin berichtete, mit Fotos; auch Privatleute stellten sich in den Dienst der Abwehr: Als der an der Krähen-Front ergraute Jäger Bert Popowski 1962 "The Varmint and Crow Hunter's Bible" veröffentlichte, schätzte er seine Strecke auf 80.000 bis 90.000, er hatte die Tiere nicht einfach erlegt, er hatte eine Mission, verglich den flatternden Feind mit Hitler, Mao und Cas- tro: Das Verhältnis zwischen Menschen und Rabenvögeln war auf dem Tiefpunkt.


Dabei haben wir ihnen viel zu danken, vielleicht sogar alles. Als vor etwa sechs Millionen Jahren unsere Ahnen in der Geschichte erschienen, waren die ihren schon 80 Millionen Jahre da, manche hatten sich auf fleischliche Kost konzentriert, sie suchten Aas und waren rasch zur Stelle, wenn andere etwas erlegt hatten. "Vielleicht begannen die Menschen, sich zu vergesellschaften, um ihre Beute besser gegen Raben verteidigen zu können", vielleicht schlossen sich aus demselben Grund auch Wölfe zu Rudeln zusammen, und vielleicht wurden manche von ihnen später zum Vertreiben der ungebetenen Gäste von Menschen domestiziert. Mit diesen "Arbeitshypothesen" endet eine eindrucksvolle Liebeserklärung an die schwarzen Gesellen: "In the Company of Crows and Ravens" von John Marzluff und Tony Angell. Letzterer ist Künstler und hat so prächtig wie präzise illustriert, Ersterer forscht an der University of Washington, Seattle, beider Raben-Erfahrung summiert sich auf "über 60 Jahre" (Yale University Press). Ausritte in Arbeitshypothesen erlauben sie sich selten, die Tiere überwältigen auch mit dem, was man gesichert weiß: "Wenn Menschen Flügel und schwarze Federn hätten, wären wenige von ihnen klug genug, Krähen zu sein", ahnte Henry Ward Beecher, ein Kirchenmann und Kämpfer gegen die Sklaverei in den USA des 19. Jahrhunderts.


Er war nicht der erste, der sich faszinieren ließ, Rabenvögel - eine Gruppe von etwa 40 Arten - finden sich in 17.000 Jahre alten Felsmalereien der Höhle von Lascaux, und die Mythen quellen über, in manchen erschaffen Raben die Welt, in anderen retten sie sie vor dem großen Brand, tragen an den Flügeln Wasser herbei, benetzen die Flammen, werden versengt, schwarz, vorher waren sie bunt. Man stattete sie auch früh mit den Attributen aus, zwischen denen sie heute noch changieren: Neugier und Verschlagenheit. Odin ließ das Weltgeschehen von zwei Raben erkunden - Hugin und Munin, "Gedanke" und "Erinnerung" -, Noah schickte erst einen Raben los, der kam nicht zurück, warum, lässt die Genesis offen, vielleicht opferte er sich auf einer vergeblichen Suche, vielleicht wurde er fündig und blieb, Kadaver gab es genug (1. Mose, 8, 6).


Früh wurden die Dunklen auch Künder des Schicksals, vor allem des Unheils, nicht nur die römischen Auguren deuteten Flug und Gekrächz, auch die Tibeter verstanden sich darauf, noch im 19. Jahrhundert schrieben sie es nieder: "Kommen sie von sechs bis neun am Morgen aus Südosten, wird ein Feind kommen. Kommen sie um neun aus dem Osten, werden Verwandte kommen. Kommen sie bei Sonnenuntergang vom Süden, wirst du an einer Krankheit sterben." Bisweilen warnten sie auch drastischer, mit dem eigenen Tod: Als Alexander der Große vor dem Tor Babylons stand und haufenweise verendete Krähen sah, achtete er das Zeichen nicht, er zog in die Stadt und verließ sie 14 Tage später im Sarg.


Woran er gestorben ist, ist unklar, es gibt viele Spekulationen, auch die, es sei das West Nile Virus gewesen, das es im Nahen Osten lange schon gab, 1999 tauchte es in New York auf und holte Millionen Vögel vom Himmel - vor allem Krähen -, bevor es auch einige Menschen tötete. Aber so weit sind wir noch nicht, im Gang der Geschichte kamen zunächst die Berge menschlicher Leichen, die Opfer der Epidemien und Gemetzel des Mittelalters und der Neuzeit, reich gedeckte Tische, auch die Hinrichtungsstätten, auf denen die einen Galgenvögel auf die anderen warteten. Die Stimmung wandte sich gegen sie, in Mitteleuropa wurden sie fast ausgerottet, nur in England standen sie unter königlichem Schutz, bis 1666, dann kam der Brand von London und schürte auch den Hass auf die Leichenfledderer. Sechs sollen verschont geblieben sein, weil der Hofastronom weissagte, das Königreich werde fallen, wenn die Raben fallen. So werden sie heute noch von "Royal Raven Masters" gehätschelt, derzeit wegen Vogelgrippe in Isolation. Aber alles ist nun auch wieder nicht wahr: Die Tower-Raben gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert, hoch geladene Symbole wurden sie noch später, im Zweiten Weltkrieg, auch sie litten unter den Bomben, und als nur noch einer lebte, ließ Churchill nächtens Nachschub bringen, er wusste um die Kraft der zähen Symbole.


"Wir kennen kein anderes Tier, das so dauerhaft unsere Kunst, Sprache und Religion beeinflusst hat", fassen Marzluff/Angell zusammen, sie wissen auch, warum: "Krähen und Menschen teilen fundamentale biologische und soziale Eigenschaften. Wir sind beide langlebig, gesellig, in Familien und größeren Einheiten organisiert, wir drücken uns vokal und mit dem Körper aus." Viel davon tun andere auch, Wale etwa oder Wölfe, aber die bekommen wir selten zu Gesicht, die Rabenvögel begleiten uns unübersehbar und vor allem unüberhörbar. Zunächst, als unsere Ahnen Jäger und Sammler waren, begegneten sie dem Größten, dem Raben (Corvus corax), einem aasfressenden Waldbewohner, ein Kilo, 1,4 Meter Spannweite. Vielleicht machte der wirklich Beute streitig, sicher wies er umgekehrt den Weg: Innuit lesen heute noch den Raben ab, wo Karibus ziehen, früher zeigten sie den Standort der Bisonherden.


Die wurden dezimiert, auch sonst holte die Neue Welt in Eile nach, was die Alte vorgemacht hatte, die Landwirtschaft drängte die Wälder zurück, und mit ihnen deren Bewohner: "Der Wandel der Kultur der Menschen hat eine Kulturrevolution bei den Rabenvögeln ausgelöst. Die Vorherrschaft der Raben wurde beendet, die der Krähen begann." Die sind kleiner - ein halbes Kilo, ein Meter Spannweite - und an die Agrikultur angepasst, sie machen sich über Feldfrüchte her, sie jagen auch - sind gefürchtete Nesträuber -, sie fressen alles, wie wir, verwerten unsere Reste, nicht nur den Müll, einen hat man beim Picken getrockneter Spucke beobachtet. Aber sie gehen auch mit der Zeit und den Moden: Marzluffs achtjähriger Sohn - auch schon an der Forschungsfront - hat Krähen Kartoffelchips angeboten, in zwei Verpackungen, einer neutralen und einer von McDonalds. Preisfrage. Ja!

All das hat sich entwickelt, als die "Kulturfolger" dem nächsten Schritt unserer Kultur folgten, der Verstädterung. In Städten ist es warm, es gibt kaum Feinde - nicht einmal den Menschen: Jagdverbot -, dafür Futter ohne Ende, der Müll hat mancher Metropole Krähenplagen zugezogen. Das üppige Angebot hat auch ihr Sozialleben verändert, es ist genug für viele da: Zwar bleiben sie wie eh und je in Paaren ein Leben lang zusammen - es kann bei Krähen 25, bei Raben 80 Jahre dauern -, aber die Familien werden größer. Der Wandel war rasch, in Gegenrichtung ist er es auch: Mitte der 70er-Jahre ersannen Krähen in der japanischen Stadt Sendai einen Trick, sie platzierten Nüsse zum Knacken auf ampelgeregelten Kreuzungen bei Rot. Kam Grün, fuhren viele Autofahrer nicht einfach los, sondern zielten gut, sie tun es heute noch, die gemeinsam entwickelte Kultur breitet sich aus.


Ersinnen? Kultur? Wir sind beim heiklen Punkt: Rabenvögel sind Meister im Werkzeuggebrauch, sie erfinden auch, Kaledonische Krähen biegen Drähte so zurecht, dass sie damit Futter angeln können; sie haben eine elaborierte Kommunikation, 80 verschiedene Laute hat man bei Raben gezählt; sie haben ein vorzügliches Gedächtnis, Häher verstecken im Herbst tausende Samenkörner über weite Gebiete, sie finden 90 Prozent im Winter wieder, selbst wenn sie tief in den Schnee graben müssen; sie vergessen auch Übles nicht: "Wenn wir über den Universitäts-Campus gehen, warnen Krähen andere vor den Krähen-Trappern. Wie sie uns aus 40.000 Menschen herauskennen, wissen wir nicht." Und sie stehlen, und sie lügen respektive täuschen: Wenn sie merken, dass sie beim Futterverstecken von potenziellen Dieben beobachtet werden, verstecken sie es im nächsten unbeobachteten Moment anderswo - und verstecken vor aller Augen Scheinfutter, Steine.


Sie können so viel, dass Martzluff/Angell ins Schwelgen geraten: "Mental sind Krähen mehr fliegende Affen als Vögel." Gehen Begeisterung und Anthropomorphismus mit den Autoren durch? Typisch amerikanische Übertreibungen? "Roa, Roa", rief der Rabe Konrad Lorenz zu, wenn er ihn vor etwas warnen wollte, er rief nicht etwa in der Rabensprache "Krackrack", er rief mit dem Namen, den Lorenz ihm gegeben hatte.


Der Rest verliert sich im Grauen, vorläufig ist die Farbe gemeint: Manche wollen beobachtet haben, dass Rabenvögel um Artgenossen trauern, sie versammeln sich oft in Massen bei Toten und ziehen ganz gegen ihre Art schweigend weg, es könnte sein, dass sie sich den Ort als gefährlich einprägen; andere wollen gar Exekutionen gesehen haben, das sind wohl stark überschießende Interpretationen, immerhin: Böse herfallen können sie über Artgenossen, sie sind Meister auch des Mobbens. Vieles ist unklar, wer Eigenartiges beobachtet, möge es bitte melden: Marzluff, Box 352100, University of Washington, Seattle, WA 98195.


Das gilt natürlich auch für das ganz Dunkle, für den Wahn und das wahre Grauen: Van Gogh ließ in seinem letzen Bild die Wirre seines Hirns als Krähenschwarm auf die Leinwand flattern. Und Poe? Sein "Raven", der ihn oder seinen Protagonisten besuchen kommt, als er um die verstorbene Freundin trauert? Es gibt immer wieder Berichte, denen zu Folge Raben Einlass in Häuser begehren, in denen sie nie waren, sich aber gut auskennen, manche sollen gar Menschen ähneln, Bekannten der Bewohner, und sich so benehmen. Bald darauf kommt die Todesanzeige für einen verstorbenen Freund. Nevermore? Wer war der Rabe Poes, der jede Frage mit "Nimmermehr" beantwortet - "und in seinen Augenhöhlen eines Dämons Träume schwelen"? [*]


Liebe Grüße
Ansuz




"Man erlangt die Erleuchtung nicht, indem man sich das Licht vergegenwärtigt, sondern indem man die Dunkelheit erforscht." (CG Jung)

Othala ( gelöscht )
Beiträge:

04.03.2006 08:47
#2 RE: Neues aus Amerika und interessantes zum schrarzen Vogel antworten

Hallo in die Runde, lieber Ansuz,

danke für diese interessante Frühstückslektüre ... sind schon ganz besondere Tiere, diese Rabenvögel.

An folgendem Zitat ist wohl echt was dran:

In Antwort auf:
"Wenn Menschen Flügel und schwarze Federn hätten, wären wenige von ihnen klug genug, Krähen zu sein",

Liebe Grüße,

Othala


_______________________________________


Gehen lernt man durch Stolpern


Ansuz Offline

Hausmeister


Beiträge: 5.151

07.03.2006 20:57
#3 RE: Neues aus Amerika und interessantes zum schrarzen Vogel antworten

Liebe Othala,

das Zitat hat mich auch schmunzeln lassen. Je länger man darüber nachdenkt, desto mehr wird einem die Aussage klar. Wobei wir Raben keine großen Schwierigkeiten mit dieser Aussage haben

Liebe Grüße
Ansuz




"Man erlangt die Erleuchtung nicht, indem man sich das Licht vergegenwärtigt, sondern indem man die Dunkelheit erforscht." (CG Jung)

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