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 Allgemeines zum Asatru
Sigurd Offline

Altrabe


Beiträge: 1.900

17.07.2006 10:20
Sozialstrukturen antworten

Liebe Raben,

ich halte es auch für wichtig, dass wir uns die "Sozialstrukturen" des Asatru bzw. der Germanen mal etwas genauer anschauen. Daher habe ich folgendes im Netz gefunden:

"... wenn man aber die zentrale Energiequelle, aus der das Leben des Einzelnen gespeist wird, zu bestimmen sucht, so liegt diese für den germanischen Menschen in der Sippe ... Das ist der Friede (friðr), der in der Sippe waltet; sie gibt jedem die Möglichkeit, zu freier, fast schrankenloser Wirkung nach außen; denn er weiß, daß für jede seiner Taten die ganze Sippe die Verantwortung auf sich nehmen wird. Hier gilt kein ethisches Werten der verübten Tat; man kann sie bedauern, man kann aber ihren Folgen nicht entsagen. Diese rücksichtslose, durchaus instinktive Pflicht zur Hilfeleistung an jeden, der in irgendwelcher Gefahr sich befindet, weil die Sippe als Ganzes keine Beeinträchtigung ihrer Ehre dulden kann, beweist deutlich die religiöse Grundlage, auf der die germanische Familie ruht. Deshalb ist auch ein Kampf zwischen Sippengenossen das größte Unglück, das eine Familie befallen kann; die höchste Steigerung des Tragischen bildet in der Heldensage gerade der Verwandtenstreit."
Jan de Vries

Traditionelle Gesellschaft
Für das Verständnis der Alten Sitte wie auch der germanischen Mentalität ist es unverzichtbar, sich zunächst einmal die Gesellschaftsstruktur anzuschauen, die in historischer Zeit bestand. Die Germanen lebten in einer traditionellen Gesellschaft, die sich auch im Inhalt ihrer Mythologie wiederspiegelt. Das Weltbild solcher agrarisch-wildbeuterischen Gesellschaften besteht nach Müller in einem ’dualen Zwei-Sphären-System’. Die eigene Siedlung ist der Kosmos, jenseits ihrer (engen) Grenzen beginnt feindliches Außenland, die chaotische Wildnis. Die Eddas spiegeln das: Hier ist Midgard, die Welt der Menschen, - dort ist Utgard, die unbewohnbare Welt der Riesen. Allerdings ist Midgard als Bezugsrahmen schon deutlich größer als nur die eigene Siedlung. Hasenfratz führt aus, daß in der lebensfeindlichen Außenwelt Chaos herrsche, daß dieses Chaos aber durch normenwidriges Verhalten auch in die Endosphäre eindringen könne. Im Innern der Gemeinschaft gibt es also eine Kontinuität von ’Gutem’, während das ’Böse’ von außen eindringt. Wer Normen im Innern bricht, wird ausgestoßen, geächtet, wird zum vargr (Wolf). Jeder Bruch in dieser "Kontinuität des Guten" ist bedrohlich, so die verschwindende Sonne hin zur Wintersonnenwende, der Übergang vom Kind zum Erwachsenen, die Periode der Frauen, Krankheit und Tod, zu denen Hasenfratz schreibt: "Durch den Einbruch von Krankheit und körperlichem Verfall in den kollektiven Lebensbereich ist eine Bresche gerissen, durch die Exosphärisches ungehindert einströmt und das Gleichgewicht der Sphären destabilisiert". Für all das gibt es (Übergangs- oder Reinigungs-) Riten, die die Kontinuität sichern sollen. Die Menschen stammen von den Göttern ab, diese wiederum von den Riesen, haben also riesisches "Chaos" in sich - was letztlich durchbrechen und zum Untergang führen wird.
Kleinste Keimzelle dieser beschriebenen Kontinuität des täglichen Lebens ist die Sippe.

Germanische Sippe
Die Sippe (ætt, kyn) kann als das Grundelement der germanischen Gesellschaft gelten. Sie umfaßt im weitesten Sinne alle Blutsverwandten, Eingeheirateten und Verschwägerten, wobei die Frau auch nach einer Heirat Mitglied ihrer Stammsippe bleibt. Die Sippe umfaßte allerdings nur Freie, nicht Halbfreie oder Sklaven. In ihr herrscht unter normalen Umständen Friede (friðr) und gegenseitige Solidarität.
Nur wer fest in die Strukturen seiner Sippe eingebunden war, konnte ein sinn- und heilvolles Leben führen. Hier wird deutlich, welch große Strafe die "Ächtung" gewesen sein muß: Der Geächtete wurde "vogelfrei", wie wir sagen würden, man dachte früher, er würde zum Wolf, so daß er in letzter Konsequenz seinen Mitmenschen auch als Wolf begegnen könne. Die Sippe war aber keineswegs nur der schützende ’Mutterschoß’: Vom Einzelnen wurde erwartet, daß er sein Leben an den Sippenmaßstäben und der Sippenehre ausrichtete. Es lastete also ein (Konformitäts-)Druck auf dem Einzelnen, wobei die Sippengemeinschaft aber auch die Kraft gab, dem gewachsen zu sein, und eine tragfähige Gemeinschaft die Möglichkeit hatte, Anforderungen gemeinsam gegenüberzutreten. So trat man auch zu den Jahresfesten gemeinsam vor die Götter und opferte ihnen als Sippengemeinschaft.
Wichtig ist hier der auf der Seite über Seelenvorstellungen schon vorgestellte Begriff des hamingja, der eben auch das durch die Sippe bestimmte Glück des Einzelnen bedeutet und meiner Meinung nach durch die Rune Wunjo symbolisiert wird.
Eine historisch nicht hundertprozentig gesicherte Begebenheit mag zeigen, wie sehr sich dieses Zusammengehörigkeitsgefühl in der Sippe auch auf die bereits verstorbenen Ahnen ausweitete: Der Friesenfürst Radbod soll die christliche Taufe mit der Begründung abgelehnt haben, daß er lieber mit seinen ungetauften Ahnen in der Hölle schmoren werde, als durch die Taufe von diesen Ahnen getrennt zu werden (Stéphane Lebecq, La baptême manqué du roi Radbod).

"Sippe und Ahnen sind das Band, das uns mit dem Ursprung unseres Seins in der Erde und den Göttern verbindet. Aus der Sippe kommt alles Heil, für die Sippe erwirken wir alles, was wir ihm hinzufügen können. Wir leben nicht nur in der Sippe, wir leben auch aus ihr: Ohne sie wären wir weder geboren noch geworden, was wir sind. Man kann sogar sagen, ... daß wir die Sippe sind."
[Asfrid OR, ’Ringhorn 40; ORD’]

Man sollte dazu auch das programmatisch "Die Seele des Menschen ist die Seele der Sippe" überschriebene Kapitel in Grönbechs bekanntem Werk lesen. Hieraus wird insbesondere deutlich, daß uns im modernen Neuheidentum oft ein verfälschtes Bild entgegentritt, nämlich eine große Egozentrik, ein Individualismus, oder auch der Wunsch nach "Selbstverwirklichung". Gerade der letzte Begriff ist mit einer historisch verstandenen germanischen Religion nicht in eins zu bringen.

Basis oder Kern der Sippe aber ist die Ehe, zu der Garbe schreibt: "So wird dem Germanen die Ehe zum seelischen Einssein, zur Lebens- und Schicksalsgemeinschaft zwischen Mann und Weib. Diese Auffassung galt schon im frühen Germanentum; sie ist altes, nordisch-germanisches Erbgut und nicht, wie von kirchlicher Seite behauptet worden ist, erst mit der Bekehrung zum Christentum bei den Germanen eingeführt worden. "
Hier paßt auch das Zitat von Bergthora aus der Njals saga: "Jung wurde ich Njal gegeben, das habe ich ihm versprochen: Ein Schicksal soll uns beide treffen."

"Heil ist der letzte und tiefste Ausdruck für das Wesen des Menschen und zugleich der umfassendste. Man kann nicht weiter gelangen; wie tief man auch in die Menschenseele eindringt, nie wird man hinter das Heil blicken. Vor allem ist das Verwandschaftsgefühl eine Äußerung des Heils, und wenn Bosheit und Neidingschaft hervorbrechen, ist es ein Zeichen, daß das Herz dieser Sippe zerstört ist, und wir können dann mit Gewißheit voraussagen, daß auf dieses erste Neidingswerk andere folgen werden, und daß das Wirken dieser Sippe keine Frucht tragen wird."
Grönbech

"Die Heiligkeit der Sippe ist höchstes Recht und höchste Pflicht. Und wenn ein Gott gegen das Recht steht, dann steht das Recht über dem Gott wie über den Menschen. Ihm müssen sich beide verantworten, das Recht fällt über sie das Urteil. [...] Wemund fühlte sich zuinnerst mit Thor verbunden: was ihm heilig war - das Recht, das über den Göttern stand, und die großen Pflichten der Sippe -, daswar auch heilig für Thor."
[Åkerhielm, ’Wemunds Rache’]
(Quelle: alte-sitte.de)

Liebe Grüße
wotan28


Nur dem, der sich selbst helfen kann, is es möglich auch anderen zu helfen.
(Sigurd W.)

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